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Geld- und Währungsökonomie9 Minuten Lesezeit

Seigniorage und Inflationssteuer: Wie Geldschöpfung reale Ressourcen verschiebt

Erfahren Sie, was Seigniorage misst, wie sie sich von der Inflationssteuer unterscheidet und warum Geldschöpfung, Zentralbankgewinn und Staatseinnahmen nicht dasselbe sind.

In diesem LeitfadenWas bedeutet Seigniorage?

Kurze Zusammenfassung

Seigniorage bezeichnet den realen Ressourcenwert, der mit der Ausgabe von Geld verbunden ist; in der Ökonomie gibt es dafür jedoch mehrere Definitionen. „Inflationssteuer“ meint den Kaufkraftverlust vorhandener Geldbestände, wenn Preise steigen. Sie ist weder ein Steuerbescheid an Haushalte noch automatisch gleichbedeutend mit Zentralbankgewinn oder Staatseinnahmen.

Was bedeutet Seigniorage?

Wenn ein Geldemittent eine monetäre Verbindlichkeit schafft und damit einen Vermögenswert erwirbt oder etwas bezahlt, kann er reale Güter und Dienstleistungen erhalten, ohne zuvor eine gewöhnliche Steuer einzunehmen oder eine verzinsliche Anleihe aufzunehmen. Die resultierende Ressourcengröße heißt Seigniorage. Ein verbreitetes Strommaß ist die Veränderung des nominalen Geldbestands geteilt durch einen Preisindex, also S = ΔM / P. Dabei steht M für einen festgelegten Geldbestand und P für das Preisniveau, mit dem nominale Beträge in Kaufkraft umgerechnet werden. Das Ergebnis hängt davon ab, welche Verbindlichkeiten als Geld gelten und wie der Zeitraum abgegrenzt wird. {source:imfFiscalAccountsSeigniorage}

Neue Banknoten sind nicht allein wegen ihres aufgedruckten Nennwerts kostenloses Realeinkommen. Durch die Geldschöpfung entsteht eine Verbindlichkeit des Emittenten. Entscheidend sind die dafür erhaltene Kaufkraft, die Erträge aus erworbenen Vermögenswerten, die Kosten der Ausgabe und Verwaltung sowie Zinsen auf die Verbindlichkeiten. Einen Überblick über die Geldmengen hinter solchen Kennzahlen bietet der Leitfaden zu monetärer Basis, M1 und M2.

Warum gibt es mehrere Seigniorage-Maße?

Der Begriff ist in der volkswirtschaftlichen Analyse und Rechnungslegung nicht einheitlich definiert. Ein Ressourcenstrom-Ansatz misst den realen Wert neu ausgegebenen Geldes. Ein Ansatz auf Basis der Zentralbankerträge kann stattdessen Zinserträge und sonstige Erträge aus Vermögenswerten messen, die durch monetäre Verbindlichkeiten finanziert wurden, abzüglich Zinskosten und Betriebsausgaben. Eine engere historische Definition der Münzprägung bezeichnet den Unterschied zwischen Nennwert und Herstellungskosten einer Münze. Diese Größen können sich unterschiedlich entwickeln und sollten nicht als dieselbe Standardkennzahl verglichen werden. {source:imfSeigniorageInflationTax} {source:ecbSeigniorageBroadDefinition}

Die Europäische Zentralbank bietet ein konkretes, auf den Euroraum bezogenes Beispiel: Ihr Überblick beschreibt Erträge aus Vermögenswerten, die mit der Ausgabe von Banknoten zusammenhängen, sowie aus damit verbundener Kreditvergabe. Eine neuere EZB-Studie erläutert, dass manche Analysen eine breitere Definition verwenden, die auch Reserven und andere Zentralbankverbindlichkeiten sowie deren Verzinsung und die zugehörigen Vermögenswerte einbezieht. Das sind Beispiele verschiedener Messgrenzen, keine allgemeingültigen Rechtsdefinitionen für jedes Land. {source:ecbSeigniorageExplainer} {source:ecbSeigniorageBroadDefinition}

Worin unterscheidet sich die Inflationssteuer?

Die Inflationssteuer ist der Rückgang der realen Kaufkraft von Geldbeständen, die Menschen bereits halten, wenn das Preisniveau steigt. „Steuer“ ist eine Metapher für diesen stillen Verlust: Ein Haushalt erhält keinen Steuerbescheid, und der Verlust entspricht nicht eins zu eins den Geldeinnahmen des Staates. In einer üblichen Zerlegung der Geldnachfrage kann Seigniorage sowohl das Wachstum gewünschter realer Geldbestände als auch eine Inflationssteuer-Komponente umfassen. Manche Quellen verwenden die Begriffe weiter gefasst; deshalb sollte man stets die Definition prüfen. {source:imfFiscalMonitorSeigniorage} {source:imfSeigniorageInflationTax}

Wenn die Wirtschaft wächst und Menschen für Transaktionen freiwillig mehr reale Geldbestände halten wollen, kann sich die monetäre Basis ausweiten, ohne dass ein entsprechender Kaufkraftverlust entsteht. Dieser Zuwachs realer Bestände wird oft als „reine Seigniorage“ bezeichnet. Der Inflationssteuer-Anteil entsteht dagegen, wenn Inflation den realen Wert vorhandener Bestände mindert. Beide Begriffe hängen zusammen, doch keiner bedeutet, dass jeder Preisanstieg eine vom Finanzministerium vereinnahmte Steuer ist. {source:imfFiscalMonitorSeigniorage}

Was zeigt ein einfaches Beispiel?

Angenommen, der Preisindex beginnt bei 1,00 und die monetäre Basis beträgt 1.000 nominale Einheiten. Ihr Realwert beträgt dann 1.000 Einheiten. Steigt der Preisindex um 10 Prozent auf 1,10, während die nominale Basis bei 1.000 bleibt, sinkt der reale Bestand auf rund 909,09. Der vorhandene Bestand hat etwa 90,91 Einheiten Kaufkraft verloren. Das veranschaulicht die inflationsbedingte Entwertung; es ist keine Steuerrechnung.

In einem bewusst vereinfachten Einperiodenbeispiel schafft der Emittent 100 zusätzliche nominale Einheiten. Damit wächst die Basis bei einem neuen Preisindex von 1,10 auf 1.100. Die zusätzlichen Einheiten entsprechen dann rund 90,91 Einheiten aktueller Kaufkraft (100 / 1,10). Unter diesen Annahmen entspricht das dem zuvor berechneten Kaufkraftverlust. Für tatsächliche Daten gilt diese Gleichheit nicht allgemein: Sie hängt hier von Annahmen zu Zeitpunkt, Geldnachfrage, Preisindex, Zinsen und Kosten ab. Die Rechnung ist hypothetisch und keine Schätzung für ein bestimmtes Land. {source:imfFiscalAccountsSeigniorage} {source:imfFiscalMonitorSeigniorage}

Reale Ressourcen erhält der Emittent nur durch die Geschäfte, die er mit den neuen Verbindlichkeiten tätigt. Der Nennwert von 100 Einheiten ist beim höheren Preisniveau nicht automatisch ein Realeinkommen von 100 Einheiten. Auch beweist ein Anstieg der Geldmenge allein nicht, dass der Haushalt frei verfügbares Geld erhalten hat. {source:imfGfsm2014}

Wortlose Konzeptgrafik: Neu ausgegebenes Geld wird gegen reale Güter getauscht, während die Kaufkraft vorhandener Geldbestände bei steigenden Preisen sinkt.
Neu ausgegebenes Geld kann reale Ressourcen verschaffen; Inflation mindert zugleich die Kaufkraft vorhandener Bestände. Die Konzepte hängen zusammen, sind aber nicht automatisch Staatseinnahmen.

Wie verändern Wachstum und Geldnachfrage das Bild?

Wie viel Geld Menschen halten möchten, hängt unter anderem von Realeinkommen, Zahlungstechnik, Zugang zu Bankdienstleistungen, Zinsen und Vertrauen in die Währung ab. Steigt die Nachfrage nach realen Geldbeständen, kann eine größere monetäre Basis aufgenommen werden, ohne denselben Inflationsdruck zu erzeugen. Versuchen Halter dagegen, bei zunehmender Inflation ihre Bestände in Landeswährung abzubauen, kann die Basis, auf der eine Inflationssteuer beruht, schrumpfen. Seigniorage ist deshalb kein fester Prozentsatz des BIP und keine stabile Einnahmequelle, die sich aus einem einzelnen Jahr fortschreiben lässt. {source:imfFiscalMonitorSeigniorage} {source:imfSeigniorageInflationTax}

Auch die Kennzahl verändert sich danach, ob sie Bargeld, Bankreserven oder eine breitere Geldmenge erfasst. Zinsen auf Reserven oder Einlagen beeinflussen die Kosten monetärer Verbindlichkeiten; bei einer breiteren Nettomessung können sie die Seigniorage mindern. Eine mengenbasierte Kennzahl und eine Kennzahl der Zentralbankerträge können daher für denselben Zeitraum unterschiedliche Ergebnisse liefern. {source:ecbSeigniorageBroadDefinition}

Ist Seigniorage dasselbe wie Zentralbankgewinn oder Staatseinnahmen?

Nein. Der Gewinn einer Zentralbank kann Vermögenserträge, Zinsaufwendungen, Bewertungsänderungen, Rückstellungen und Betriebskosten umfassen. Je nach Definition ist Seigniorage nur ein Teil dieses Ergebnisses. Ob Erträge der Zentralbank an den Staat überwiesen werden, richtet sich nach den Gesetzen und Rechnungslegungsvorschriften des jeweiligen Landes; die Überweisung kann begrenzt, verzögert oder gar nicht erfolgen. Die banknotenbezogene Kennzahl der EZB beschreibt eine institutionelle Regelung und ist kein Muster für jede Zentralbank. {source:ecbSeigniorageExplainer} {source:ecbSeigniorageBroadDefinition}

Auch in der staatlichen Statistik kann die Ausgabe von Geld anders eingeordnet sein als gewöhnliche Steuereinnahmen. Das Handbuch des IWF zur Finanzstatistik des Staates behandelt die Seignioragegewinne aus der Geldausgabe im beschriebenen Rahmen als implizit in Transaktionen mit Bargeld und Einlagen enthalten, statt sie als Einnahmen zu verbuchen. Deshalb sollte man eine Seigniorage-Schätzung nicht ohne Prüfung der Definitionen zu ausgewiesenen Haushaltseinnahmen addieren. {source:imfGfsm2014}

Führt Geldschöpfung automatisch zu Inflation?

Ein einzelner Anstieg der monetären Basis sagt nicht mechanisch einen gleich hohen Anstieg der Verbraucherpreise voraus. Der Zusammenhang hängt von der Geldnachfrage, Bankkrediten und Einlagen, der Verzinsung von Reserven, Produktion und Angebot, Erwartungen sowie dem geldpolitischen Rahmen ab. Eine Zentralbank kann im Rahmen ihres Betriebs Reserven schaffen, ohne dass dieser Betrag unmittelbar zu Ausgaben der Haushalte wird. Eine anhaltende monetäre Finanzierung, die die Geldnachfrage übersteigt, kann den Inflationsdruck erhöhen; Seigniorage selbst ist aber keine Inflationsprognose. Zum verwandten Thema fiskalischer Beschränkungen der Geldpolitik lesen Sie den Leitfaden zu fiskalischer Dominanz. {source:imfFiscalMonitorSeigniorage} {source:ecbSeigniorageBroadDefinition}

Wie sollte man eine Seigniorage-Schätzung lesen?

Notieren Sie vor einem Vergleich, welches Maß verwendet wird: die reale Veränderung eines festgelegten Geldbestands, der Gewinn aus der Ausgabe von Bargeld oder das Nettoergebnis von Vermögenswerten, die mit monetären Verbindlichkeiten finanziert wurden. Prüfen Sie dann Preisindex und Umrechnungszeitpunkt, den Einschluss von Reserven, den Umgang mit Zinsen auf Geld sowie den Abzug von Ausgabe- oder Bewertungsänderungskosten. Klären Sie auch, ob die Quelle Zentralbankerträge, eine Überweisung an den Staat oder ein breiteres Ressourcenmaß ausweist. Aus der Bezeichnung allein folgt nicht, dass Kennzahlen austauschbar sind. {source:imfFiscalAccountsSeigniorage} {source:imfGfsm2014} {source:ecbSeigniorageBroadDefinition}

Eine Seigniorage-Zahl ersetzt weder den regulären Haushaltssaldo noch den Schuldenstand des Staates. Der Leitfaden zu Haushaltsdefizit und Staatsschulden erklärt den Unterschied. Der Beitrag zu Gesamt- und Kerninflation zeigt, wie Preisindizes Preisänderungen zusammenfassen. Weder eine einzelne Seigniorage-Kennzahl noch eine einzelne Inflationsrate bildet die gesamte Finanz- oder Geldpolitik ab.

Häufige Fragen

Q1Ist Seigniorage immer dasselbe wie die Inflationssteuer?

Nein. Die Inflationssteuer bezeichnet üblicherweise die inflationsbedingte Entwertung realer Geldbestände. Seigniorage kann auch den Realwert des Geldmengenwachstums umfassen, das eine höhere Nachfrage nach realen Beständen bedient. Manche Quellen definieren beide Begriffe anders.

Q2Wird Seigniorage immer zu Staatseinnahmen?

Nein. Eine Zentralbank kann mit der Geldausgabe Erträge erzielen, aber Überweisungen an den Staat hängen von Rechts-, Rechnungslegungs- und Bilanzregeln ab. Die Finanzstatistik kann Geldausgabe als Finanztransaktion statt als Steuereinnahme einordnen.

Q3Führt Geldschöpfung immer zu Verbraucherpreisinflation?

Nein. Die Wirkung hängt von Geldnachfrage, Bank- und Zentralbankbilanzen, Zinsen auf Verbindlichkeiten, Produktion, Erwartungen und institutionellen Regeln ab. Eine Kennzahl der Geldschöpfung allein ist keine Inflationsprognose.

Quellen und weiterführende Lektüre

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Der Preisindex steigt, während der nominale Bargeldbestand eines Haushalts unverändert bleibt. Was beschreibt hier der Ausdruck Inflationssteuer?

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